In die Schwerkraft gespuckt
Hygiene Heute im Mousonturm mit "Physik"
Von Sylvia Staude
Der Physiker, den man in einem kurzen Film sehen kann, hat
eine klare Meinung: Physik passt nicht ins Theater. Nun, das
mag für einen Windkanal zutreffen, in dem eine Kraft, die der
von 3 000 Haartrocknern entspricht, Windgeschwindigkeiten
von mindestens 250 Stundenkilometern erzeugt. Und in den
ein Zug passt.
Das gilt aber nicht für einen kleinen Fön, der einen
Tischtennisball in der Luft tanzen lassen kann. Oder für eine
Colaflaschen-Rakete. Oder für ein bisschen Spucke, die flugs
die Schwerkraft beweist.
Am schönsten widerlegt aber wird die Meinung von der
Unvereinbarkeit von Physik und Theater dadurch, wie dieser
Physiker in einem Theaterraum zu sehen ist: Keine Leinwand
fängt das Licht des Projektors auf, sondern ein schnell im Kreis
gewirbeltes Band. Dessen Geschwindigkeit - und die Fähigkeit
des menschlichen Auges, über Lücken ziemlich gnädig
hinwegzusehen - lässt tatsächlich ein recht gut erkennbares
Bild entstehen. Man staunt.
Zum Staunen kommt man reichlich in Physik, der jüngsten
Produktion von Hygiene Heute. Bernd Ernst und Stefan Kaegi
taten sich 1998 am Gießener Institut für angewandte
Theaterwissenschaften zu Hygiene Heute zusammen. Beide
arbeiten aber auch in anderen Konstellationen daran, das
Theater für das Leben zu öffnen. Oft bitten sie Laien auf die
Bühne, manchmal sogar animalische: Den Kongress Europa
tanzt bestritten 70 Meerschweinchen.
Doch diesmal sprangen die richtigen Physiker ab und Hygiene
Heute engagierte Karl Bruckschwaiger und Amadeus Kronheim,
die beide zwar nicht im strengen Sinn Schauspiel-Profis sind,
aber doch Bühnenerfahrung haben. Das lässt Raum für kleine
charmante Unvollkommenheiten, wie sie Ernst und Kaegi
lieben.
Und schließlich geht auch bei den Experimenten nicht immer
alles glatt, am Frankfurter Premierenabend etwa wollte sich ein
Blatt Papier von Schallwellen partout nicht schubsen lassen.
Trotzdem leuchtet ein, dass es frei nach Beuys heißen muss:
"Jeder Mensch ist ein Physiker."
Physik macht jedenfalls wunderbar neugierig auf Physik. Aber
Physik stellt auch Fragen über die politischen Auswirkungen
naturwissenschaftlicher Forschung. Oder, umgekehrt, die
Auswirkungen politischer Überzeugungen auf die Etats
bestimmter Forschungsgebiete.
Und Physik macht darauf aufmerksam, dass Wissenschaft und
Theater sich bedenklich nähern, wenn zum Beispiel Messdaten
gefälscht, also fiktionalisiert werden. Oder war nicht Jan
Hendrik Schön, der es mit vielen erfundenen Daten immerhin
fast zum Leiter des Max-Planck-Instituts gebracht hätte,
offenbar auch ein guter Physiker-Darsteller?
Hygiene Heute führt einen durchaus überzeugenden Beweis:
Theater ist, was man dazu macht. Einen Windkanal und einen
Zug bracht man dafür nicht.
• Eine Vorstellung noch heute, Samstag, 20 Uhr im Mousonturm,
Waldhscmnidtstraße 4, Karten-Tel. 40 58 95 20.
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Dokument erstellt am 17.01.2003 um 17:36:04 Uhr
Erscheinungsdatum 18.01.2003
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