Frankfurter Rundschau 11.1.03


Teilchen im Theater
Wenn es tanzt und pfeift, ist das das schönste Theater: Bernd Ernst und Stefan Kaegi inszenieren "Physik"


Von Sylvia Staude

Im Physikalischen Institut - gleich neben dem Senckenbergmuseum und in unmittelbarer Nachbarschaft zum großen Dinosauriermodell - gibt es so wunderbare Gerätschaften wie einen Drehstuhl, auf dem man das Trägheitsmoment am eigenen Leib erproben kann.
Nein, nicht was Sie denken. Man setzt sich vielmehr drauf, putzmunter am besten, lässt sich von jemandem die beiden Hanteln reichen, die zur Versuchsanordnung gehören, nimmt eine in jede Hand, und lässt sich auch noch ein bisschen anschubsen. Dann kann man erfahren, wie der Stuhl immer dann langsam wird, wenn man die Arme ausstreckt, und wieder schnell, wenn man die Hanteln dicht an den Körper legt.
Ein "Spielkind" sei sein Physiklehrer gewesen, erzählt Stefan Kaegi und versucht damit zu erklären, warum er, zusammen mit Bernd Ernst, eine Inszenierung entwickelt hat, die den Titel Physik trägt und sich auch genau mit dieser beschäftigt. Kaegi und Ernst sind als "Hygiene Heute" in Frankfurt bekannt, eine unglaubliche Neugier scheint sie anzutreiben und auf Felder zu führen, deren Beackerung man sich erstmal nicht im Theater vorstellen kann. Mittlerweile arbeiten oder gastieren sie ziemlich regelmäßig am Künstlerhaus Mousonturm. Physik war hier schon in der Erprobungsphase zu sehen, kommende Woche aber ist Premiere einer ziemlich veränderten Fassung.
Aber zurück zum "Spielkind" und der Entstehung von Physik. Der kleine Stefan Kaegi war offenbar fasziniert davon, wie zum Beispiel sein Lehrer vor Weihnachten immer mit einer Flasche Helium reinkam, es einatmete und dann wie Micky Maus sprach. Oder Puder ausstreute auf einer Fläche und dann einen Geigenbogen drüberstrich, so dass sich das Puder aufgrund der Schallwellen zu Mustern sortierte. Physikalische Versuche wurden in früheren Jahrhunderten traditionell auf Jahrmärkten aufgeführt, erzählt Kaegi, man unterhielt die Leute durch das "Spektakel der Technik": "Das lag irgendwo zwischen Zaubern und schon fast Schamanismus." Nikola Tesla etwa, der Erfinder des Wechselstrommotors, der eine Zeitlang mit Thomas Edison zusammenarbeitete (ehe die beiden sich zerstritten, weil Edison das Gleichstromsystem favorisierte), zeigte gern Folgendes: Eine Person hat die Hand an einem Tesla-Generator, hält an der anderen eine zweite Person, die gibt wiederum einer dritten die Hand ... und die letzte in der Reihe entzündet mit einem Funken, der aus ihrem Finger kommt, eine Kerze. Das freilich ist etwas, was man heute am Physikalischen Institut nicht mehr zeigen will, weil es für die Gesundheit des Letzten in der Reihe nicht gerade zuträglich ist.
Dafür führt man gerne vor, wie ein Stück Wasserleitungsrohr zum Singen gebracht werden kann, indem man eines der Enden über einen Bunsenbrenner hält. Na ja, ein kleines feines Sieb muss im Rohr sein, damit es funktioniert und die Luft wirklich pfeift. Gern lässt man auch das Drehmoment - in Gestalt eines dicken tanzenden Kreisels - sich gegen die Schwerkraft behaupten.
Und da kommt dann wieder das Theater ins Spiel, denn dieser Kreisel, der selbst in ziemlicher Schräglage nicht fällt, wird in Physik seinen Auftritt haben. Natürlich sind es die einfacheren Dinge, die die beiden "Darsteller" Karl Bruckschwaiger, ein Doktor der Philosophie, und Amadeus Kronheim im Mousonturm vorführen und erklären werden. Denn "was heute etwa im CERN (dem weltgrößten Physiklabor, d. Red.) geforscht wird, ist ja unsichtbar für uns", sagt Kaegi. Da kann man zum Beispiel erfahren, dass ein bestimmtes Teilchen da sein kann aber auch ganz woanders.
Und weil die Wissenschaftler etwas darstellen, was man nicht sehen kann, verstehen sie sich - zu Recht, meint Kaegi - auch irgendwie als Künstler: "Sie formulieren ja Weltbilder." Haben dabei aber das Problem der sprachlichen Vermittlung und greifen darum, auch das findet der Theatermacher ausgesprochen spannend, auf Vokabular etwa aus der Science Fiction zurück. Da wird dann vom Beamen gesprochen, auch wenn das betreffende Experiment noch weltall-weit entfernt ist von der praktischen Anwendung à la "Beam me up, Scotty!" Wenn bei Star Trek mal nicht schnell genug gebeamt wird, wird's in der Regel lebensgefährlich. Aber wenn bei den Physik-Aufführungen Dinge mal nicht klappen, ist Kaegi kein bisschen traurig darüber. "Ich interessiere mich schon lange für Pannen und Unberechenbarkeiten", sagt er. Einmal konnte, erinnert er sich, ein kleiner, offenbar sensibler, Zeppelin nicht starten, weil die Zuschauer zu viel Körperwärme abstrahlten - pro Person etwa so viel wie eine Glühbirne.
Überhaupt: die Zuschauer und die Chaostheorie, auch dazu ließe sich viel sagen. Aber das wäre vielleicht schon wieder eine neue Inszenierung wert.

• Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstraße: "Physik", 16. bis 18. Januar, jeweils 20 Uhr. Karten-Tel. 069 / 40 58 95-20.