Hygiene heute und die Physik Von Stefan Michalzik Was der Titel verspricht, wird gehalten. Kein Fake also, obwohl die unter dem Titel "True truth about the nearly real" stehende 4. Internationale Sommerakademie am Mousonturm das sich ja zum Leitmotiv erkoren hat. "Physik (Einführung)" offerieren die Regisseure Bernd Ernst und Stefan Kaegi, die als "Hygiene heute" firmieren. Genau das wird geboten, jedenfalls für ein Teilgebiet der Physik. Nicht mehr und nicht weniger. Darum allein kann's freilich nicht gehen. Es ist das Theatrale im wirklichen Leben, für das sich die beiden Absolventen der Gießener Theaterwissenschaften interessieren. Marcel Duchamps' künstlerische Praxis des Readymades übertragen sie auf das Theater. Wenn Menschen in ihren Alltagsfunktionen um eines falsch verstandenen Realitätsbegriffes willen auf die Bühne geholt werden, ist das Scheitern meist programmiert. Sie sind eben keine Schauspieler, verstehen sich nicht auf Schauwerte, auf die verdichtende Darstellung, die Theater erst ausmacht. Lehrende Wissenschaftler sind die ideale Ausnahme. Denn sie sind, zumindest wenn sie sich auf ihre Profession verstehen, Vortragskünstler. Wer dem Kabarettisten im Unterhaltungswert am nächsten kommt, wird sich der größten Beliebtheit bei den Studenten erfreuen - und seinen Stoff am effektivsten vermitteln. Denn wer langweilt sich schon gern? Ungeachtet des trockene Schlichtheit suggerierenden Titels ist "Physik (Einführung)", präsentiert als Vorarbeit zu einer großen Physik-Aufführung beim Tanzquartier Wien, denn auch zugute zu halten, dass es sich um einen durchaus amüsanten und kurzweiligen Abend handelt. Die Stars von Ernst und Kaegi sind ein Professor vom universitären Institut für Didaktik der Physik und sein Assistent. Die Versuchsanordnung: Es geht darum, Dieter Dorns Inszenierung von Goethes Faust auf Datenträger ins Weltall zu schicken, auf dass anderen intelligenten Lebewesen die Kunde unserer kulturellen Errungenschaften zuteil wird. Die Wahl ist natürlich nicht zufällig just auf Dorns Faust gefallen. Kommt doch ein solches Produkt konventioneller Sprechtheater-Erhabenheit für die postavantgardistische Szene einem Griff in den Giftschrank des Überkommenen gleich. In Tonfetzlein werden immer mal wieder Beispiele des brüllend ausbrechenden dramatischen Tobens eingeblendet. Anders als bei Faust hat der Zuschauer nach diesem Abend gute Gründe,
sich klüger als zuvor zu wähnen. Weniger was letzte Dinge angeht.
Doch über die Konstruktion und die Antriebstechnik von Raketen sieht
man sich umfassend informiert. Wie das alles funktioniert, demonstrieren
anhand einer ganzen Reihe von anschaulichen Experimenten Prof und Assi.
Ein eingespieltes Team, angesichts dessen - wenn wir schon vom Theatralen
reden - Beckett so fern nicht ist. Bald stehen die beiden gemütlichen
Wissenschaftler mindestens ebenso im Blickpunkt des Interesses wie Probleme
und Lösungen der Raketentechnik. Menschen, die auf eine sympathische
Weise in ihrer Materie aufgehen. Eine weitere Vorstellung heute um 20 Uhr. Künstlerhaus Mousonturm,
Waldschmidtstraße 4.
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